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Diesseits und Jenseits

Eine ganzheitliche Sicht von Christian Salvesen

Die Religionen schwören auf eine strikte Trennung: Hier das Irdische, dort das Reich Gottes. Vergängliches und Ewiges. Wo gibt es Verbindungen, Überlappungen? Oder ist das alles Schwindel? Wo stehe ich?

Diesseits und jenseits der Grenze

Diesseits und jenseits sind offensichtlich gegensätzliche Begriffe. Zunächst bezeichnen sie Positionen im Raum von einem Standort aus, und zwar in Bezug auf eine trennende Linie: Diesseits des Flusses (der Straße, der Grenze) bin ich oder sind wir, jenseits befinden sich die anderen (Feinde), unbekannte Gebiete etc. Aus dieser Perspektive schließen sich diesseits und jenseits aus: Ich kann nicht zugleich diesseits und jenseits der Grenzlinie sein. Für einen Vogel oder Flugzeugpiloten, der sich hoch über der Grenze bewegt, ergibt sich allerdings ein anderes Bild: Beide Seiten liegen unter ihm. Keine ist diesseits oder jenseits, allenfalls rechts oder links, vorn oder hinten.
Schon früh sahen die Menschen im Fluss ein geeignetes Bild, um das Grundrätsel des Lebens zu beschreiben: Wohin verschwinden wir, wenn wir sterben? Niemand kommt je zurück. Was geschieht da?
Im Gilgamesch-Epos, einem über 4000-jährigen Epos aus dem sumerischen Reich, will der ungestüme König Gilgamesch nach vielen Abenteuern und dem Tod seines besten Freundes das Geheimnis der Unsterblichkeit ergründen. Nachdem er durch einen langen Bergtunnel gewandert ist, muss er über einen Fluss oder See, „das Wasser des Todes“, um die „Insel der Seligen“ zu erreichen. In der griechischen Mythologie stellt der Fluss Lethe, der Fluss des Vergessens, die Grenze zwischen dem bekannten Leben auf der Erde und jener unbekannten Welt „jenseits von Lethe“ dar. Diesseits und Jenseits werden im deutschen Sprachgebrauch seit etwa 300 Jahren zunehmend als Hauptworte verwendet und stehen dabei fast immer für eben diese Trennung zwischen dem irdischen, begrenzten Leben und einem Leben nach dem Tod. Und das sieht je nach Religion und eigener Vorstellungskraft immer etwas anders aus.

Verschiedene Jenseitsvorstellungen
Viele Zeitgenossen, die klinisch tot waren und dann doch wieder ins irdische Leben zurückkehrten, berichten von unglaublichen Erlebnissen. Die einen sahen sich über ihrem Körper schweben und können bis ins Detail wiedergeben, was Ärzte bei der Notoperation sagten oder taten. Andere schwebten durch einen Tunnel einem strahlenden Licht entgegen, mit dem sie entweder ganz verschmolzen oder das sie zu himmlischer Musik verstorbenen Freunden in die Arme führte. Manche erlebten auch grausige Dämonen und Teufel. Elisabeth Kübler-Ross – viele kennen ihre Forschung und ihre Bücher über Nahtoderfahrungen – machte vor allem die positiven Erlebnisse bekannt und gab damit vielen (sterbenden) Menschen Hoffnung auf ein wundervolles Weiterleben nach dem Tod.
Man könnte meinen, die Nahtoderfahrungen heutiger Menschen müssten auch früher schon registriert worden sein, aber dafür gibt es erstaunlich wenig Belege. Weder die außerkörperliche Erfahrung noch das Bild vom Tunnel hat irgendeinen bemerkenswerten Eingang in die traditionelle Literatur der Religionen gefunden. Lediglich in den indischen Upanishaden (Schlussteil der Veden) finden sich Hinweise auf schamanische Praktiken, bei denen in Visionen eine Begegnung mit dem Gott des Todes geschieht. Und natürlich ist das Bardo Tödöl, das Totenbuch der Tibeter, voller detaillierter Beschreibungen über die Übergänge zwischen Leben, Tod und Wiedergeburt. Hier entsteht der Eindruck, dass es sich um einen Erfahrungsbericht handelt – als habe eine hohe Seele den Übergang vom irdischen Leben ins Jenseits und zurück bewusst erlebt. Was da beschrieben wird, entspricht allerdings nicht den Nahtoderlebnissen von Menschen aus Europa und Nordamerika.
Im ägyptischen Totenbuch reist die Seele nach einem Gericht auf einer Barke auf dem Fluss (Nil) durch die Nacht der Sonne, dem neuen Leben zu (Wiedergeburt). Ähnliche Totenbücher sind uns von den Maya oder den Kelten sowie aus den großen Weltreligionen (Islam, Buddhismus) überliefert. Viele Juden glauben ebenso wie die Christen an eine körperliche Auferstehung und an ein persönliches Weiterleben nach dem Tod, nur sehen die Christen den Glauben an Jesus als Schlüssel zum ewigen, paradiesischen Leben (nach dem Tod). Moslems begraben wie Juden und Christen ihre Toten, denn der Körper gehört der Erde, der Geist und die Seele aber Gott, dem Ewigen und Unvergänglichen.
Im Hinduismus und Buddhismus wird der Mensch schließlich von einem langen Kreislauf der Wiedergeburten durch Moksha (Befreiung) bzw. Nirwana (wörtlich: die Flamme verlischt) erlöst. Der westliche Begriff Jenseits passt dafür nicht, denn Dualität existiert nicht mehr. Doch beide Religionen kennen Jenseitsbereiche verschiedener Art, Höllen und Himmel der Geister, Dämonen und geläuterten Seelen. Alle diese Welten sind vergänglich. Die spirituelle Suche gilt letztlich dem Unvergänglich-Zeitlosen.
Woher stammen diese Unterschiede? Es mag sein, dass Berichte von tödlich Verwundeten, von Schamanen und Sehern (Rishis) zusammenflossen mit bestimmten Konzepten und Interessen von Priestern. So könnten die verschiedenen Jenseitsvorstellungen der Religionen entstanden sein.

Eine Annäherung der Welten?
Die Zwischenbereiche der Verstorbenen und der Geister, die sich aus dem Jenseits melden, haben heute Hochkonjunktur. James van Praagh wurde beispielsweise in den USA bekannt, indem er in großen TV-Shows Kontakt zu Verstorbenen aufnahm. Die Fragen der Hinterbliebenen beantwortete er mit verblüffenden Details, die er als „Dritter“ unmöglich vorher wissen konnte. Er startete die auch in Deutschland erfolgreiche TV-Serie Ghost Whisperer. Dies ist nur eines von vielen Beispielen dafür, dass sich in unserer Zeit Diesseits und Jenseits in gewisser Weise annähern, nachdem sie durch die Lehren der Kirchen im Bewusstsein westlicher Menschen streng und unüberbrückbar getrennt gewesen waren. Selbst die Naturwissenschaften tragen dazu bei, dass sich Diesseits und Jenseits zunehmend durchdringen und als ein Ganzes verstanden werden. Seit einigen Jahrzehnten etabliert sich die Parapsychologie mit verifizierbaren Ergebnissen über Hellsichtigkeit, Telepathie etc. Einige Hirnforscher wollen Bereiche im Gehirn entdeckt haben, die für Jenseitserfahrungen zuständig sind. Sie werden in tiefer Versenkung, bei Einnahme psychotroper Substanzen wie LSD oder Ayahuasca oder auch einfach nur durch Elektroden am Kopf aktiviert. Etliche Forscher sind überzeugt, dass das Gehirn bei Sterbenden gleichsam auf „Jenseits“ schaltet und herrliche Bilder mit den entsprechenden Glücksgefühlen produziert.

Jenseits der Dualität
Diesseits und Jenseits – in dieses Gegensatzpaar kann so ziemlich alles eingeordnet werden: Sprache, Kultur, Welt, Zeit … Überall gibt es einen Standort – da bin ich – und eine Art Grenze oder Horizont. Jenseits davon bin ich (noch) nicht. Das Jenseits steht für das Unbekannte und nicht Kontrollierbare. Kann es vom Diesseits aus erobert werden? Oder dringt das Jenseits mit Geisterstimmen und geheimnisvollen Energien ins Diesseits ein? Wie immer das gesehen oder erlebt wird, es bleibt eine Zweiheit, eine Getrenntheit. Und das hat mit dem Standpunkt, der Position, dem Ich zu tun, das die Welt – diesseits wie jenseits – als „das Andere“ sieht. Die wahre Sehnsucht des Menschen ist aber womöglich nicht, vom Diesseits ins Jenseits zu gelangen, sondern genau jetzt von aller Trennung und damit von sich selbst befreit zu sein.
Jede der Weltreligionen hat einen mystischen Kern, in dem die Ichlosigkeit (Standortlosigkeit) angedeutet wird. So wie aus der Vogelperspektive das Diesseits und Jenseits der feindlichen Lager (an der Grenze) verschwindet, so verflüchtigt sich der Unterschied zwischen dem Erdenleben und dem zukünftigen Jenseits (sei es Hölle, Geisterwelt oder Paradies). Was ist der Schlüssel? Die Verlagerung der Perspektive. Alle bekannten Methoden der Meditation und Kontemplation (im Buddhismus wie im Christentum) regen zu einer inneren Distanz und Weite an.
Ob eine solche Praxis zum endgültigen Verlust der eigenen Identität und damit der Perspektive führt, wage ich allerdings zu bezweifeln. Jesus sagt sinngemäß: „Du musst erst dein eigenes Leben verlieren, um das Himmelreich Gottes zu erfahren.“ Wer will das schon, selbst wenn er stundenlang täglich meditiert? Er will eigentlich Kontrolle über sein Leben. Wenn die aber tatsächlich „durch Gnade“ verloren geht, dann sind Samsara und Nirvana, Diesseits und Jenseits, eins.

Eine kontemplative Übung
Sitze entspannt und fixiere die Augen auf ein Objekt im Raum. Werde dir des Sichtfeldes bewusst, ohne die Augen zu bewegen. Frage dich: Wo ist der Rand des Bildes? Ist dies mein Fenster zur Welt? Wer oder was ist hinter diesem Fenster, innen? Ist das Bild vielleicht nur geträumt? Bin ich vielleicht schon gestorben? Spüre diesen Fragen nach. Lass zu, wenn Zweifel aufkommen, ob du wirklich existierst. Du bist nicht die Angst, du kannst sie beobachten. Schließe die Augen. Lass dich in die Dunkelheit sinken. Entspanne.

Der Autor:
Christian Salvesen ist Autor zahlreicher Bücher wie „Advaita“ und Redakteur der Zeitschrift Visionen. Er wohnt in Dietramszell bei München.

Buchtipps:
Christian Salvesen: Liebe – das Herz aller Weltreligionen. O.W. Barth/S. Fischer Verlag, 2009.
Christian Salvesen: Die Formel der Unsterblichkeit. Ein Schamanenkrimi. KOHA-Verlag, 2008.
James van Praagh: Geister sind unter uns. Ansata, 2008.

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